.L. KESSLER

Mein Name ist Lars Kessler. Ich bin seit 1988 Graffitikünstler - der Aerosolart verschrieben. Ich bin damals durch das "Skaten" mit Graffiti in Kontakt getreten, da früher die "Skateszene", zumindest hier in Aachen, in starker Verbindung zur "Graffitiszene" stand. Für Graffiti konnte ich mich sofort sehr interessieren, da dieses damals noch überwiegend Pionierarbeit war. Es gab nur eine Hand voll Sprüher die ausschließlich im Untergrund gearbeitet haben, und sich stark von anderen Zeitgenossen abgesondert haben.


Du kannst also sagen, das damals ziemlich viele "Skater" angefangen haben zu sprühen - ist dort vielleicht auch der Ursprung der Aachener Graffitiszene zu sehen?


Es gab deutlich mehr Sprüher die aus der "Skateszene" kamen, als Sprüher die nicht über den Umweg "Skaten" ins Geschehen eingriffen. Also kann man behaupten das der Anfang von "Skatern" gemacht wurde.

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Du hast gerade gesagt das du 1988 dazugestoßen bist -kannst du grob umreißen wann das Ganze in Aachen überhaupt begonnen hat?


Das war circa 1986. Da hat der große Umbruch hier in Aachen stattgefunden. Writer wie Franko, Rosco oder Codo feierten ihr Debüt.


Kannst du dich noch erinnern wer der erste Aachener Maler überhaupt gewesen ist?


An den Namen erinnere ich mich jetzt nicht mehr, aber das definitiv erste Bild in Aachen war das "Spinx"-Piece hinter dem Kreishaus in der Bachstrasse.


Und wann war das?


Das muß circa 1985 gewesen sein.


Du bist also ein Vertreter der ersten Aachener Writergeneration?


Ja das kann man so sagen. Ich war Mitglied der Gruppe "NVM" Msanii Vya Mazingara ein Name auf Musaeli, was soviel bedeutet wie "Die Künstler der Umgebung". Der Name resultiert aus dem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Rasta- und Reaggaebewegung. Weitere Mitglieder der Crew waren: Merk( Rane ), Aenok und Milk (Tore).


Soviel zu deinem "First Contact" mit der Szene. Wie ging es dann weiter ? Ging es mehr um Tags auf den Strassen oder eher um Hall of Fames?

Ein Großteil damals waren noch Tags, da es Sprühdosen nur sehr begrenzt gab, und nicht wie heute in jedem Hiphopladen um die Ecke zu kaufen gab.
Generell kann man sagen, dass das Material mit dem man heutzutage überschüttet wird, damals nicht vorhanden war. Ja, nehmen wir zum Beispiel mal die Caps - die mussten wir uns damals noch selber herstellen. Zum Beispiel mussten wir uns Fatcaps von Haarsprays und ähnlichen Produkten abmachen(entwenden). Skinnycaps waren normale Standardcaps die durch längeren Gebrauch halbverstopften und dadurch erst die gewünschte dünnere Strichstärke erhielten.


Wie ging es dann weiter?


Bald kamen nach den Tags auch Bilder, es enstanden die ersten Halls of Fame. Zu nennen wären die Hall hinter dem Citycenter (Globus), der Spielplatz an der Richardstrasse, Bahnbrücke in Laurensberg oder auch die Hallen am Grünen Weg. Damals blieben Bilder mindestens vier Wochen stehen, was heutzutage nicht mehr der Fall ist. Gründe hierfür sind auf der einen Seite der explosionsartige Wachstum der Szene und auf der anderen Seite die Schließung aller Halls of Fame bis auf die Hall of Fame am Globus. Es waren auch die Bücher 'Spraycanart' und 'Subwayart' bekannt, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass ein Stück dieser amerikanischen Subkultur in Aachen Einzug erhielt und nachempfunden wurde.


Gab es damals überhaupt irgendwelche Informationen aus den Medien oder anderen Quellen?


Graffiti wurde von den Medien genauso wenig beachtet wie von der Industrie. Es gab noch keine Kleidung von / für Writer. Die legendären "Backjackets" oder auch "Hosenstreifen" mussten selbst hergestellt werden, sprich weißer Stoff wurde mit Stofffarben bemalt und selbst aufgenäht.


Das heißt das alles im Grunde noch Eigeninitiative war?


Ja genau, es war halt alles noch Pionierarbeit die sich bis heute zu einer richtigen Industrie mit erheblichen Absatzmärkten entwickelt hat.


Dein "Getting Up" kannst du also mit aufwendigen Wandproduktionen an Halls of Fame, als auch mit "Streetbombing" in Form von Tags beschreiben?


Dem kann ich so zustimmen. Die Tags für die ich auch verurteilt wurde, waren: JAM, Dash, Heroer und Kekers worunter ich zu der Zeit auch bekannt war. Meine Verurteilung war 1994 seitdem arbeite ich ausschließlich legal, sprich im Bereich Aerosolart und Interiorbereich. Ich habe den Bereich Graffiti aus dem illegalen in den legalen Sektor gebracht.

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Einen weiteren wichtigen Punkt den ich ansprechen wollte ist der Gang in die Professionalität. Ist es den Pionieren der Aachener Graffitiszene gelungen, ihre Passion auch in ihre Berufstätigkeit umzusetzen, oder war ihre künstlerisch-kreative Beschäftigung mit dem Gang in die Berufstätigkeit vorbei?


Ich habe den Bereich Graffiti mit in das Studium zum Diplomdesigner, welches ich 1997 angefangen und im Jahre 2001 erfolgreich abgeschlossen habe, hinein gebracht. Sowohl in meine Diplomarbeit welche den Namen "Wild Interior" trägt, als auch Leinwandausstellungen in verschiedenen gastronomischen Betrieben, fließen Eindrücke die ich aus meiner Graffitiära gewonnen habe, mit hinein. Somit ist es mir gelungen den legalen Aspekt des Graffiti mit in meine Berufstätigkeit einfließen zulassen.

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Was ist für dich Graffiti, beziehungsweise was hat Graffiti für dich in deinen frühen Zeiten ausgemacht?

Parallelen zu Heute / Veränderungen
Ich denke das am Anfang eine gute Portion Abenteuerlust dabei war, sagen wir mal dieses subversive, dieses Untergrundding was sich aber auch im Laufe der Jahre verändert hat, weil die Industrie zugenommen hat und dadurch dieses Abenteuer ein bisschen verlorengegangen ist. Dadurch, dass die Industrie eine ganze Palette an Maßgeschneiderten Dosen und Zusatzartikeln herausgebracht hat, ist Graffiti zur Modeerscheinung mutiert - mit sehr kommerziellen Hintergrund. Allerdings hat die Kommerzialisierung von Graffiti auch seine guten Aspekte. Denn durch den neu enstandenen Markt haben auch diejenigen Writer, welche in der, und für die Szene gearbeitet haben, die Möglichkeit mit Graffiti Geld zu verdienen. Außerdem bleibt zu hoffen, dass durch das generell gestiegene Interesse an Graffiti auch die etablierte Kunstszene eines Tages Graffiti als Kunstform anerkennen und akzeptieren wird.


Hast du noch irgendwas den jüngeren Generationen mit auf den Weg zu geben?


Macht weiter so Jungs. Mehr habe ich nicht zu sagen!


Das Interview wurde im September 2001 geführt.